Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen

"Erfüllt und glücklich ist nicht immer dasselbe"

Interview mit Christian Stäblein

Spielt Glück in der Bibel eine Rolle? War Jesus glücklich? Und ist es überhaupt wichtig, glücklich zu sein? Wir fragen Christian Stäblein.

Herr Stäblein, wann sind Sie glücklich?

Christian Stäblein:  Wenn etwas gelingt, das lange vorbereitet wurde. Eine Hilfsaktion. Ein Gottesdienst. Oder auch ganz profan: ein Tor beim Fußball.

Ist Glück Gnade und unverfügbar oder kann man etwas dafür tun?

Glück ist etwas anderes als Gnade. Glück hat viel mit dem zu tun, was wir vorbereitend tun. Das Glück selbst kann ich nicht machen, aber dafür, dass es eintritt, kann ich durchaus etwas tun. Viele Sprichwörter sagen das ja: Dem Tüchtigen ist das Glück hold oder jeder ist seines Glückes Schmied. Beim Fußball heißt es schon mal: Sie haben das Glück am Ende erzwungen. Sprich: So viel Mühe und Chancen und Technik, da musste es dann kommen. Gnade ist anders, Gnade kann man sich nicht erarbeiten, sie ist tatsächlich unverfügbar. Ein Geschenk Gottes.

 

Haben Sie den Eindruck, dass Menschen, die glauben, glücklicher sind?

Vielleicht haben sie mehr Grund gelassen zu sein, wissend, dass sie nicht alles selber machen müssen oder können. Denn man kann sich die Voraussetzungen für Glück schon erarbeiten, glaube ich, aber dann muss man es auch geschehen lassen. Gelassenheit, scheint mir, hilft beim Glücklichsein. Eben so viel Vertrauen haben, dass man lassen und zulassen kann. Aber es ist kein Automatismus, ich selber übe es auch noch.

Trägt Ihr Glaube Sie durch schwere Zeiten, durch das Unglück?

Na klar. Und dann wird der Unterschied deutlich: Glück ist nicht gleich Segen. Segen ist, auch im Unglück Gottes Nähe zu spüren. 

Das Leben Jesu war kurz und dramatisch und endete gewaltsam. Würden Sie sagen, er war glücklich?

Das ist eine schwere Frage. Über die subjektive Verfasstheit Jesu, finde ich, wissen wir nicht viel. Ich denke, er war ganz erfüllt von seinem Auftrag. Er hat sich den Konsequenzen ergeben. Vielleicht gab ihm das eine Form von Frieden. Aber glücklich – das wissen wir aus seinem Gebet im Garten Gethsemane –, glücklich war er über die Konsequenzen nicht. Er betete: „Mein Vater! Wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, dann geschehe dein Wille.“ (Matthäusevangelium 26,42) Ein gewaltsamer Tod kann niemanden glücklich machen.

Im Alten Testament taucht der hebräische Begriff für „Glück“ rund 30 Mal auf, im Neuen Testament wird das in der Antike gebräuchliche griechische Wort für Glück – „Eudaimonia“ – gar nicht gebraucht. Können Sie erklären, warum Glück in der Bibel keine große Rolle spielt?

Der Begriff „Glück“ spielt keine Rolle, denn die Menschen damals haben die Vorstellung oder Erfahrung von Glück anders ausgedrückt. In der Bibel heißt das, was wir heute mit Glück meinen, auch Gerechtigkeit, Frieden oder Segen. Der wunderbare Psalmvers „… wenn Gerechtigkeit und Friede sich küssen …“ (Psalm 85,10) ist für mich eine starke Beschreibung von Glück.

Gibt die Bibel Tipps, wie man glücklich wird?

Es gibt in der Bibel gute Hinweise, was dem Leben dient. Die Zehn Gebote etwa, ohne die oder gegen die Menschen schnell sehr unglücklich sind. Etwa wenn sie immerzu und ohne Pause arbeiten. Dann beachten sie nicht das dritte Gebot, das sagt, man solle den Feiertag heiligen. Oder wenn die Ego-Perspektive so extrem wird, dass man sich rücksichtslos alles nimmt, auch das, was einem nicht gehört. Das siebte Gebot sagt deshalb: Du sollst nicht stehlen. 

Ist die Bergpredigt Jesu da auch eine Art Wegweiser? Wenn ja, wäre dieser Weg ziemlich radikal.

Ja. Sehr radikal. Und sie ist deshalb sicher kein allgemeiner Glücksratgeber. Hier zeigt sich auch noch mal: Erfüllt und glücklich ist nicht immer dasselbe.

„Gott nah zu sein, ist mein Glück“, heißt es im 73. Psalm. Gibt es ein Glück ohne Gott?

Ohne Gott? Kann ich mir schwer vorstellen. Und ebenso gilt: Mit Gott bleibt Unglück nie für immer Unglück.

Finden Sie es überhaupt wichtig, glücklich zu sein?

Oh ja! Nur hat man keinen Anspruch darauf, denn das Leben hält vieles bereit. Und wenn wir immer glücklich wären, dann wüssten wir nicht, was das ist – Glück. Dass es stimmig ist, die Welt, das, was mir entgegenkommt, und mein Wollen, das finde ich schon wichtig.  

Christian Stäblein ist Propst (Theologischer Leiter) der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und ab dem 16. November 2019 ihr neuer Bischof. Das Interview führte Amet Bick, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der EKBO.












RSSPrint

Letzte Änderung am: 26.09.2019