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RSSPrint

In die Hocke gehen

Vom Herunterbeugen zu den unscheinbaren guten Dingen

Der Supermarkt hieß damals noch Kaisers. Dort, auf der Kantstraße, wurde ein Junge überfahren. Er tippte seinen Ball auf, der sprang vom Bürgersteig und er sprang hinterher. Unter den Eltern im Kindergarten sprach es sich am selben Tag herum. Am Folgetag holte ich Willie von der Kita ab und wir gingen dorthin. Als wir näher kamen, sahen wir ein Paar auf dem mit Gras bewachsenen Mittelstreifen der vierspurigen Straße stehen. Sie lehnte an seiner Schulter, beide dunkel gekleidet. Vor ihnen im Gras ein Kreuz und Blumen. Ich nahm Willie hoch und wir beide betrachteten das Paar ergriffen, und ich erzählte ihm, dass am Tag zuvor ihr Junge vor ein Auto gelaufen war.

Vor Willies Taufe war ich nicht in der Kirche. Schüler waren in meiner Gymnasialzeit in Kassel politisch links, wir befanden uns im Sog der 68er, die in langen Lodenmänteln über den Pausenhof schritten und uns die Mädchen ausspannten. Meine Mutter nahm am Kirchengemeindeleben teil, aber mir sagte das nichts. Sie ließ mich damit in Ruhe. Auf meiner Konfirmation fühlte ich mich verloren, denn einer fehlte: mein Vater; meine Eltern waren frisch geschieden. Es gab einen Konfirmandenclub, noch heute treffe ich mich mit einem Freund aus der Zeit. Wir waren ein, zwei Jahre Teamer, aber nur, weil uns die Konfirmandinnen anhimmelten. Später bekam ich Kontakt zu linken Gruppen und trat folgerichtig aus der Kirche aus, die, so glaubte ich ohne viel Nachdenken, das Volk in seiner Beschränktheit hielt. Ich fand, ich sei Atheist.

"Nein, ich glaube nicht an Gott. Du denn?"

Im Zivildienst arbeitete ich auf einem landwirtschaftlichen Versorgungsgut des Diakonissenkrankenhauses in Wilhelmsglück bei Schwäbisch Hall. Ich machte daraus eine landwirtschaftliche Berufsausbildung. So lernte ich kleinbäuerliche Familien kennen. Einer der Berufsschüler fragte mich, ob ich an Gott glaubte. Und ich sagte: „Nein.“ Er schaute mich fassungslos an.
„Wirklich nicht?“
„Nein, ich glaube nicht an Gott. Du denn?“
Er lächelte gequält. Das war der Tag, an dem ich einem Gleichaltrigen gegenüberstand, der unerschütterlich an Gott glaubte.
Als Betriebshelfer unterstützte ich einen jungen Bauern in der Nähe von Heilbronn, der sich den Fuß gebrochen hatte. Wir saßen bei der Abendvesper, als meine damalige Freundin in ihrem Renault R4 auf den Hof fuhr. Vorher hatte er mich gefragt, wie er nur eine Frau kriegen könnte. Ich fragte: „Gehst du denn aus?“ Ja, Samstagabends ginge er in die Disco, aber allein und er säße dann nur und schaute. Dann kam Selma in die Stube und setzte sich zu uns an den Tisch, später rauchte sie eine Zigarette. Für ihn war es unfassbar, dass diese junge Frau sich auf den halbstündigen Weg machte, um ihren Freund zu besuchen und mit ihm auszugehen. Ich sah durch seine sehsüchtigen Augen, wie wenig selbstverständlich ihr Besuch war: dass berührt zu werden von einem Menschen, der einen mag, einer Segnung gleicht.

Jahre später arbeitete ich in der Republik Niger und war umgeben von gläubigen Moslems. Für sie war ich Christ. Das akzeptierten sie. Inakzeptabel wäre der Satz gewesen: „Ich glaube nicht an Gott, ich bin Atheist.“ Und ich vermied ihn in all den Jahren, ich verleugnete, dass ich nicht Mitglied der evangelischen Kirche war. Ich wollte nicht Unverständnis ernten, sondern dazu gehören, zu all diesen Menschen, die glaubten. Die meisten von ihnen trotzten dem schweren Alltag im Sahel mit Kraft und Schönheit. Und sie lachten viel. Die Regeln ihres ländlichen Lebens passten gut mit dem Islam zusammen, beides wirkte wie ein Ganzes.

Glauben an Gott ist für mich das Herunterbeugen zu den unscheinbaren guten Dingen

Willie trat in unser Leben in Form einer eruptiven Urgewalt. Ich stand etwas abseits und glaubte unerschütterlich, dass es gut gehen würde. Dann betrachtete ich ungläubig dieses knorzende Wunderknäuel, ich fremdelte noch mit der Vorstellung, dass es ein Stück von mir und ich ein Teil von ihm war. Als er drei Jahre alt war, entschieden wir uns für einen evangelischen Kindergarten. Mir gefiel die spirituelle Komponente. Wer ein Kind hat, weiß, dass er nicht alles in der Hand hat und hofft auf Schutzengel. Ich freundete mich mit dem Pfarrer der Gemeinde an, Markus Böttcher, und trat wieder in die evangelische Kirche ein. Wer ein Kind hat, betet (bittet Gott) um Unversehrtheit und hofft auf eine gute Zukunft. Und diese Demut, die Ehrfurcht vor dem Leben, war das Schwerezentrum, um das sich so vieles im menschlichen Zusammenleben drehte und das ich nicht begriff. Ich hatte nicht verstanden, dass Demut diese innere Freiheit ermöglicht, die ich bei anderen bewunderte. Denn meine Selbstüberschätzung (meine Überzeugung, dass ich mein Leben meistern könnte) verstellte mir den Blick auf die vielen kleinen und großen menschlichen Gesten, die Liebe ausmachten und mich trugen.

Um die guten Dinge annehmen zu können, ist es wie bei der Begegnung mit einem Kind: ich muss in die Hocke gehen, um es zum Sprechen zu bringen. Glauben an Gott ist für mich heute das Herunterbeugen zu den unscheinbaren guten Dingen, die mir täglich von anderen Menschen widerfahren, damit ich sie dankbar in mich aufnehmen kann. Erst das ermöglicht mir, mein Leben im Bewusstsein zu leben, dass ich den Tag nicht alleine gestalte, sondern dass mir gute Mächte dabei helfen. Viel schöner formuliert es Imre Kertész: Wer sich das eigene Schicksal zu eigen macht, mit aller Fremdheit es annimmt, nur der ist frei, und das ist ein erhebendes Gefühl.

Johannes Haag, Evangelische Kirchengemeinde Am Lietzensee

Letzte Änderung am: 24.09.2019