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Glaube in der Glücksforschung

Kann man Glück suchen? Der christliche Glaube nimmt den Druck, ständig glücklich sein zu müssen. Darüber sprach Nora Tschepe-Wiesinger mit dem Theologen und Sozialethiker Michael Roth.

RSSPrint


Professor Roth, Sie haben als Theologe das Buch „Zum Glück: Glaube und gelingendes Leben“ geschrieben. Theologie und Glück – passt das zusammen?
Glück war in der Theologie und Philosophie tatsächlich lange Zeit verpönt. Bis weit in die 1970er Jahre galt das Streben nach Glück als etwas für egoistische Menschen. Seit 20 Jahren ist der Glücksdiskurs in den einzelnen Wissenschaften gewachsen – auch in der Theologie.

Martin Luther nannte das Streben nach der eigenen Glückseligkeit „sündhaft“, weil der Mensch darin „nur das Seine“ suche. Ist das persönliche Streben nach Glück per se egoistisch?
Ich halte das Streben nach Glück für nachteilig für das Glück selbst. Glück stellt sich nicht ein, wenn man danach sucht. Im Gegenteil: Je stärker wir danach streben, desto weniger stellt es sich ein. Luther hat Recht, wenn er davor warnt, die Suche nach Glück zum Lebensziel zu machen. Die Frage nach Glück ist immer die Frage des Unglücklichen; der Glückliche fragt nicht nach Glück.

Nicht nur Martin Luther, sondern auch der Theologe Heinrich Müller kritisierte im 17. Jahrhundert das Streben nach Glück. 1644 formulierte er „Lieber mit Jesu geweint als mit der Welt gelacht. Beym Lachen wird man Jesum nicht finden. (…) Den Tränen ist er aber sehr nahe“. Hat der Protestantismus ein Problem mit dem Glücklichsein?
Es gibt durchaus Tendenzen innerhalb des Protestantismus, die mit Glücklichsein und Fröhlichkeit Probleme haben bis hin zu einer regelrechten Glücksfeindschaft. Luther gehört dazu sicher nicht. Wenn man sich beispielsweise die Erziehungsanstalten von August Hermann Francke (Anmerkung der Redaktion: Der Theologe August Hermann Francke gründete im 17. Jahrhundert die pietistisch geprägten „Franckeschen Stiftungen“, in denen unter anderem mittellose Kinder und Waisen untergebracht waren und unterrichtet wurden) ansieht, stellt man fest, dass das Augenmerk dort nicht auf der Freude und dem Glück der Kinder lag. Im Gegenteil: Jede Form der Freude, die nicht Freude am Heiland war, wurde misstrauisch beäugt. So galt Schlitten­fahren als sündhaft, weil es unnützer Zeitvertreib war; jedes kindliche Spiel wurde verachtet.

Hat das Glück im Katholizismus einen besseren Stand?
Durch Thomas von Aquin ist im Katholizismus der Diskurs über das Glück nie abgebrochen. Der Versuch, Glück und Glaube in Beziehung zu setzen, wurde dort immer anders gesehen. Ich denke aber nicht, dass der Protestantismus gezwungen ist, ein katholisches Modell zu implementieren, sondern er muss die dem Protestantismus eigenen Glückspotenziale freilegen.

Wie kann das gelingen? Macht der Glaube glücklich?
Das ist schwierig zu beantworten, denn damit wird der Glaube zum Zweck, glücklich zu sein. Glaube führt nicht automatisch zu Glück, aber er hat Glückspotenziale, denn im besten Fall macht der Glaube frei von den Sorgen und der Anstrengung, ständig glücklich sein zu müssen. Der Glaube hat die Kraft, den Gläubigen von sich selbst freizumachen und kann ihn dazu befähigen, die Dinge des Daseins verstärkt zu genießen und sich weniger zu sorgen. Andererseits gibt es für den Glaubenden natürlich auch Herausforderungen wie die Theodizee-Frage: Wie kann es sein, dass ein guter und gerechter Gott mich leiden lässt? Mit dieser Frage muss sich der Nichtglaubende ja gar nicht beschäftigten.

Aber müssten wir als Christen, die an die Auferstehung und Erlösung durch Christus glauben, nicht automatisch glücklicher sein?
Ja, das ist wohl wahr. Mit dem Glauben an die Auferstehung geht ja eigentlich ein gewisser Lebensmut einher. Daher ist die Verzweiflung, das Gegenteil von Glück, auch Sünde.

Was macht Menschen noch glücklich?
Das ist bei jedem Menschen unterschiedlich, aber es gibt Dinge, von denen man mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass sie nicht glücklich machen, zum Beispiel Geld. Natürlich ist man unglücklich, wenn man weniger als das Existenzminimum hat, aber darüber hinaus macht Geld nicht glücklicher. Bei einer Studie mit Lotto-Gewinnern, die eine Million beim Lottospielen gewonnen haben, konnte man sehen, dass sie nach einem Jahr genauso glücklich oder unglücklich waren wie zuvor.
Das einzige wirklich allgemeingültige Glücksgut sind meiner Meinung nach soziale Kontakte: Freundschaften. Darüber hinaus sind bestimmte Fähigkeiten wichtig für das Glück: etwa die, von sich selbst ab­sehen zu können und sich nicht permanent mit sich selbst beschäftigen zu müssen und mit Fragen wie: Wie werde ich glücklich? Wie stehe ich vor anderen da? Was denken die anderen jetzt über mich? Leute, die sich von diesen Fragen frei machen können, haben die besten Voraussetzungen, glücklich zu sein. Und bei diesem Freimachen kann der Glaube helfen.

Heutzutage gibt es unendlich viele Ratgeber zum Thema Glück. Ist das Streben nach Glück ein modernes Phänomen?
Zum Teil. Zwar haben bereits Aristoteles und Augustin schon gesagt: Alle Menschen wollen glücklich sein. Aber sich intensiv auf die Suche nach dem eigenen Glück zu begeben mit Glückskursen und Ratgebern, das halte ich für ein modernes Phänomen, das aber wie gesagt kontraproduktiv für das Glück ist.

Also kann man Glücklichsein nicht lernen? Was halten Sie zum Beispiel von einem Schulfach „Glück“?
Ich weiß nicht, was das bringen soll. Sicherlich kann man gelegentlich seinen Tagesablauf überdenken und sich fragen, was man ändern könnte, um mehr Zeit beispielsweise für soziale Kontakte zu haben und Dinge, die einem Spaß machen. In Glückskursen oder in einem Schulfach „Glück“ beschäftigt man sich aber wieder ganz extrem mit sich selbst und sieht nicht von sich ab, was aber die Voraussetzung fürs Glücklichsein ist. Der ewige Blick auf mich selbst und meine Befindlichkeiten ist doch langweilig.
Ich weiß nicht, ob wir Schülerinnen und Schüler in diese Richtung bringen sollten. Die Schule sollte die Schüler stattdessen mit Dingen bekannt machen, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt und die daher Freude bringen – sei es in Kunst, Geschichte, Religion oder im Sport und dabei nicht vorschnell aufs Glück schielen.
Glück ist ein Abfallprodukt, das sich nicht einstellt, wenn ich es ins Zentrum rücke. Es ist nicht machbar. Deshalb sagt Luther auch, dass der Mensch sich nicht von sich selbst befreien kann, sondern es einer Befreiung von außen bedarf. Und so besitzt der christliche Glaube mit der versprochenen Befreiung durch den Tod und die Auferstehung Christi wieder ein großes Glückspotenzial.

Michael Roth ist Professor für Systematische
Theologie und Sozialethik an der Universität Mainz. Er forscht unter anderem zur gegenwärtigen Relevanz lutherischer Theologie.

 

Dieser Beitrag stammt aus "die Kirche", Evangelischen Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz (Ausgabe 38 zum 22. September 2019). 

Letzte Änderung am: 25.09.2019